
Erwerbstätige Eltern müssen keine Superheroen sein, aber den Spagat sollten sie schon beherrschen, wenn sie ihre Brut nicht mit Fertignahrung abspeisen wollen.
Das Zauberwort heisst Antizipieren – aber bitte mit Charme. Wir wollen ja keine Militärküche durchexerzieren, sondern locker und spontan die romantisierte Vorstellung einer liebevoll kochenden Nonna ausleben.
Sugos, Suppen oder Fleischsaucen schon am Vortag aufsetzen, feine Brühen auf Vorrat haben, Reste genial kombinieren oder auch mal aus wenig viel machen.
Der Fairness halber will ich nebenbei anfügen, dass ich a) privilegiert von zuhause aus arbeiten darf und b) heute trotzdem nicht den geringsten Schimmer hatte, was ich meinen beiden Jungs kochen sollte.
Also, erst mal Frühstücken, Begleitung zum Kindergarten, eine freiberufliche Besprechung und einen Kundentermin über den Vormittag manövrieren. Wieder heim, Mails checken und dann, ja dann kommt mir in den Sinn, dass Freitag eigentlich ein ganz guter Spaghetti al Tonno-Tag wäre.
Also Jackett aus, Kochjacke an, Pastawasser aufsetzen, 2 Knoblauchzehen in Olivenöl erwärmen, etwa 2 grosse Tassen passierte Tomaten (aus dem Glas) dazu, Deckel drauf und kräftig aufkochen.
Freunde, lasst mich hier einmal etwas klarstellen: Für einen guten Sugo muss man Tomaten gehörig im Olivenöl aufkochen! Das nimmt den Tomaten jede Säure oder, im Falle von Dosentomaten, einen allfällig metallischen Nebengeschmack.
Hört endlich auf, Zucker an eure Tomatensauce zu panschen! Und wer die Tomaten gleich zu Beginn mit Wasser streckt und das Ganze nur so lasch aufwärmt, wird nie, nie, nie einen guten Sugo hinbekommen, egal wie lange der vor sich hinköchelt.
Weiter: alles auf die unterste Stufe drehen, denn jetzt hab ich nur noch 10 Minuten Zeit um das Nötigste einzukaufen und auf dem Rückweg den Kleinen im Kindergarten abzuholen. Und siehe da: Es gibt frischen Dorsch. Also wird es nix mit Spaghetti al Büchsen-Tonno, dafür gibt es Linguine al Merluzzo!
Zurück in der Küche kommt das 400-Gramm-Dorschfilet in die Bratpfanne und wird kräftig rundherum im Olivenöl angebraten, gesalzen und gepfeffert. Derweil 1 Tasse Wasser zu den Tomaten, Salz, Pfeffer, köcheln lassen.
Die Linguine kochen, den Fisch zerteilen und in den Sugo gleiten lassen, grosszügig glatte Petersilie dazugeben und leise weiterköcheln.
Die bissfesten Linguine abseihen, zurück in den Topf geben und mit einem Drittel des Sugos gut durchmischen. Anrichten, mehr Sugo mit Fischstücken und etwas Petersilie darübergeben. Wer mag, nimmt sich Peperoncino und Oliven dazu.

Wie Spaghetti al Tonno, aber ohne Thon und ohne Spaghetti.
Nach dem Essen Küche aufräumen, Kindergarten hin- und her, dazwischen zur Layoutbesprechung fahren und sich unterwegs einfallen lassen, was man Mami heute Abend Schönes kochen könnte, wenn sie von der Arbeit heim kommt – aber was, verflucht nochmal?!

Nein, falsche Frage. Warum trinkt jemand sowas?


Unsere Erinnerung – ist sie ein Freund oder ein falscher Hund?
Vieles, was man früher so gegessen hat, erscheint heute durch den Weichzeichner der Erinnerung im besten Licht: Süssigkeiten, Snacks, Puddings und Saucen aus der Tüte, Früchte und Cremen aus der Dose, Streuwürze, Fertiggerichte.
Aber wenn wir ehrlich sind, war es so gut, wie wir glauben? Es ist zu bezweifeln.
Zweifellos sind die Tomato Chips der Firma Zweifel Pomy Chips AG in bester Erinnerung. Sie schmeckten so intensiv nach 70er-Jahre wie die Vinylböden der EPA, das Orange unserer Trevira-Hosen oder die blaugefärbten Abgaswolken der zwar katlosen, dafür aber chrombestückten Traumautos.
Also irgendwie extrem gut, aber irgendwie extrem ungesund.
Ob das der Grund ist, weshalb die Chips, irgendwann im Gesundheitswahn der 90er, ohne ein Rascheln aus dem Snackregal verschwunden sind? Man denke nur an die Cumarinhysterie bei Zimtsternen heutzutage, was war wohl alles in unseren geliebten Tomato Chips?
Es gab bei Chipsessern übrigens zwei Fraktionen: die Nature-Verfechter und die Paprika-Fans. Selten nur freundeten sich die beiden Gruppierungen auf einem Schulausflug an.
Tomato waren da ausser Konkurrenz. Genau wie Provençale, bei der allerdings die Frage nach der Daseinsberechtigung erlaubt sei. Es scheint einfach unbegreiflich, warum diese vulgäre Geschmacksrichtung im Gegensatz zu Tomato noch produziert wird. Hallo, Marketingabteilung Zweifel Pomy Chips AG, der ging an euch.
Es gibt sogar Leute die erst zu sterben bereit sind, wenn Zweifel die Tomato Chips wieder herstellt. Schrecklich, Tomato Chips Zombies. Und Schuld daran die Zweifel Pomy Chips AG!
Klar gibt es andere Chipshersteller, die zwar die Geschmacksrichtung Tomate oder Ketchup im Sortiment haben, aber keiner kommt an die original Zweifel Tomato Chips von damals heran.
In irgend so einer Kolumne von irgend so einer Pendlerzeitung, danke Santaclara, stand letzthin, die kultigen Tomato Chips könne man ganz leicht selbst herstellen, indem man Nature Chips mit dem Pulver einer Beutel-Tomatensuppe aufpeppt.
Das ist natürlich völliger Blödsinn. Erstens bekommt man heutzutage gar kein normales Tomatensuppepulver mehr. Ist ja alles „verfeinert“ und verschlimmbessert mit aufdringlichen Gewürzmischungen von mediterran bis mexican. Und zweitens habe ich es ausprobiert:


Die Gaumenwischerei kann man sich sparen. Schmeckt scheisse und ist bitterer als jede Erinnerung.

Kann von Glück sagen, wer einen Jäger zum Nachbarn hat.
Meiner machte mir das Angebot, ein paar Fasane oder Rebhühner von seiner Jagd mitzubringen. Ich müsse es nur sagen. Nur wer wirklich Freude daran hat, werde von ihm beliefert. Mein Kochherz schlug Purzelbäume!
Eigentlich wollte ich das Federvieh – abgesehen vom Einschuss – unversehrt. «Quatsch, das ist eine Riesensauerei, so einen Vogel zu rupfen. Und die Hände stinken dann eine Woche lang wie die Hölle. Bei uns kommen eh alle in die Rupfmaschine, Sie bekommen die Vögel küchenfertig.»
Letzten Sonntag war es dann soweit. Zwei Fasane lagen gerupft und abgeflammt in einer Plastiktüte vor der Haustüre, als wir vom Sonntagsausflug nach Hause kamen. Doch nun wie weiter, wie zubereiten, wenn man es nie zuvor getan hat? Einfach drauflos schiessen? Zu heikel.
Fragt man Leute, die sich mit Wild auskennen, bekommt man 10‘000 Tipps und Rezepte. Schwierig, sich da auf den richtigen Kochweg zu machen. Einige schwören darauf, den Vogel eine gute Woche im Federkleid abzuhängen – durchaus ungekühlt, im Freien.
Andere finden, gerade dieser Hautgout, der sich dann bildet, sollte man vermeiden und den Vogel nicht länger als drei bis fünf Tage gerupft und ausgenommen kühl lagern.
Weil Fasan, zumal ein wilder, sehr fettarm ist, besteht die Gefahr, dass die Brust zu trocken wird, während die Keulen noch nicht durch sind. Viele Rezepte sehen daher vor, die Brust getrennt vom Rest zu braten.
Ganz im Ofen braten – gefüllt oder auch nicht – geht auch, aber die Brust sollte auf jeden Fall mit Speck umwickelt werden. Weisser Bauchspeck eignet sich dafür besser als Bratspeck. Das feine Aroma des Fasans soll ja nicht in einem Speckschwall untergehen.
Ich hab mir in der goldigen Apotheke «Metzgerei Kuhn» in Basel welchen besorgt und einen neuen Rekord aufgestellt: für 100 Gramm hab ich gerademal 1.10 Franken bezahlt! Bei einem Metzger, der schon mal ein Kilopreis von 98 Franken für Kalbssteaks heuscht, ein echtes Schnäppchen.

Die geschnürten, mit weissem Speck umwickelten und mit einer Zwiebel und einem Bouquet garni aus Lorbeer, Thymian, Rosmarin, Salbei befüllten Fasane auf der Keulenseite in Bratbutter 10 Minuten braten. Dann salzen, pfeffern und nochmals 5 Minuten je Seite sanft weiterbraten. Das Röstroma ist betörend und sehr viel intensiver als bei Huhn.

Fasane warm stellen. Bratbutter auswischen. Grobes Röstgemüse (Knoblauch und Schalotten “en chemise”, also mit Schale, damit sie nicht anbrennen) in etwas Butter Farbe nehmen lassen.

Deglacieren mit 1 Tasse Madeira (oder Calvados oder was immer Freude macht) dann 2 Tassen Rotwein und 2 Tassen Kalbs- oder Wildfond dazu und etwas reduzieren lassen.
Jus und Röstgemüse in einen Bräter zu den Fasanen geben. 30 Minuten bei 180 Grad braten und mehrmals mit dem Jus übergiessen.

Nach 30 Minuten ein paar halbierte Äpfel dazugeben und weitere 15 Minuten braten. Dann Fasane auf die Brust legen (damit die Säfte sich darin verteilen) und weitere 20 Minuten bei 80 Grad zur Ruhe komen lassen.

Fasan zerteilen und mit den Äpfeln auf einer Platte anrichten. Sauce durch ein Sieb geben und, falls nötig, reduzieren und mit Butter montieren.

Anrichten mit glacierten Maronen und mit Preiselbeeren auf den halbierten Äpfeln.

Eines gleich vorweg: Die Sauce war das Beste. Was heisst das Beste, eine der besten seit langem! Aber der Vogel war zäh wie Sau. Ein richtiger Rohrkrepierer. Schade.
Sein Fleisch findet, vom Knochen gelöst, in einem Ragout Verwendung. Mal sehen, ob es dann weicher wird.

Gipfelt für viele Freizeitköche in einem Berg Arbeit: Das Wochenende.
Was der ambitionierte Hobbykoch und die leidenschaftliche Amateurköchin an kulinarischen Kapriolen und Kochstrapazen so auf sich nehmen, ist mitunter irritierend. Und das am Weekend, nach einer anstrengenden Arbeitswoche.
Manche Menüplanung kommt fast schon der Besteigung eines Achttausenders gleich. Montag bis Freitag Convenience aus der Mikrowelle und Sandwich über dem Laptop – aber am Wochenende muss es dann mindestens Sterneniveau sein.
Privat kochen ist freilich immer eine Gratwanderung zwischen charmanter Improvisationskunst und krankhaftem Perfektionswahn. Dieser grassiert ja im übrigen – kompetitiver Gesellschaftsdruck sei dank – auch bei vielen anderen Freizeitaktivitäten.
Hier nun eine Vorspeise oder ein Zwischengang oder eine Hauptspeise (je nach Ambition), die zwar gute acht bis zehn Stunden Zubereitungszeit braucht, aber dennoch (wenn nicht sogar zwingend) auf die Anwesenheit eines übereifrigen Kochs verzichten kann: Pappardelle al Ragù di Manzo.
Das Ragù kann zwar vom Rind sein, aber gerade in die aktuelle Saison passt auch die klassische Kombination mit Wildsau.
Ein Kilo grob gewürfelte Ragùstücke portionsweise mit Olivenöl in einer schweren Schmorpfanne rundum scharf anbraten, salzen, pfeffern und warm stellen.
Das Öl darf man wegschütten, nicht jedoch den Bratensatz am Topfboden. Auf diesem wird mit Butter Mirepoix aus Karotten, Sellerie, Schalotten und Knoblauch geröstet. Nach 5 Minuten etwas Tomatenmark mitrösten.
Deglaciert wird mit einem Glas Rotwein bis die Flüssigkeit einreduziert ist. Dann gleich noch einmal mit einem weiteren Glas Rotwein deglacieren. Wer möchte, darf ruhig etwas Demi-Glace hinzufügen.
Dann kommen je etwa 3 Deziliter passierte Tomaten, Rindsfond und Rotwein dazu. Und absolute Ruhe für die nächsten 8 Stunden auf niedrigster Schmortemperatur.
Wenn man dieses Ragù also am Samstagmorgen aufsetzt, hat man bis am Abend alle Hände frei zu tun und lassen was immer man will. Besser wäre sogar, das Ragù am Freitagabend für 4 bis 5 Stunden aufzusetzen, um es am nächsten Tag zu erwärmen und für weitere 4 bis 5 Stunden schmoren zu lassen.
Das Ziel ist erstens, eine intensive braune Sauce zu bekommen und zweitens, das Fleisch komplett zerfallen zu lassen.
Bevor die Sauce durch ein Sieb passiert wird, 10 Minuten mit einem Zweig Rosmarin und Thymian aromatisieren. Dann Fleisch herausnehmen, mit einer Gabel zerteilen und wieder zur Sauce geben. Mit Salz und Pfeffer justieren.

Wer sein Ego (doch) nicht mit gekauften Pappardelle abspeisen möchte, kann natürlich auch selber rasch welche herstellen. Auf 100 Gramm Mehl kommt 1 Voll-Ei. Mit dem Mehl eine Mulde formen, das Ei darin verschlagen und einen glatten Teig kneten. Eine halbe Stunde ruhen lassen.

Mit einem Nudelholz oder mit der Teigmaschine den Teig sehr dünn auswallen und in etwa eineinhalb breite Streifen schneiden. Bemehlen und nochmals eine gute halbe Stunde ruhen lassen.

Wichtig: Die Pasta nach dem Kochen nicht abschütten. Besser mit einem grossen Schaumlöffel oder einer Zange direkt aus dem Wasser in eine Schwenkpfanne geben, wo sich bereits etwas Sauce mit dem Ragù befindet.
Unter mittlerer Hitze Pappardelle portionsweise Schwenken und soviel Sauce dazugeben bis sie durch und durch damit überzogen sind.
Auf Tellern mit etwas glatter Petersilie und Olivenöl Extra Vergine anrichten. Dazu übrigens nie und nimmer Parmesan reichen – viel zu aufdringlich!
Ehrlich, dieses Pastagericht schmeckt, als wäre eine halbe Küchenbrigade (oder eine talentierte Nonna) 24 Stunden hinter den Töpfen gestanden.
Und es macht den Kochenden so stolz, als hätte er an einem Nachmittag kurz einen Achttausender bezwungen.

Oder aber wir halten es schlicht für nicht möglich, sich durch dieses Plakat in eine Biertraumwelt – was immer das sein mag – verführen zu lassen.
Auch wenn wir – zugegeben – für einige Sekunden in den Bann gezogen werden.
Erstens, um sich kurz der eigenen Vorstellung hinzugeben, was wohl für welche Klientel eine Biertraumwelt darstellen könnte. Und zweitens, wegen der entschlossenen Typographie, die unter Anwendung raffinierter Satztechnik bis ans Äusserste geht und mit einer Tilde anstelle eines Umlautzeichens über dem Ö für einen (vermutlich unbeabsichtigten) Eyecatcher sorgt.
Vielleicht kann sich ja die liebe Nina von Sehsucht einen Reim darauf machen.
Jedenfalls, proscht Nägeli!

Gute Foodblogs sind erlesener Genuss. Und erstaunlich präsente Begleiter.
Das passiert, wenn man an einem sonnendurchfluteten Herbst-Samstag an einen Marktstand heranflaniert, der zarteste italienische Feigen verkauft: Man denkt sofort an diesen Post, den man einmal in einem seiner Lieblings-Foodblogs gelesen hat.
Und ohne zögern blättert man 10 Franken für ein halbes Kilo hin in sicherem Wissen, das wird gut. Richtig fest gut sogar.
Für zwei, drei oder vier Personen, je nachdem wie üppig die Vorspeise sein soll:
Ein halbes Kilo hübsche kleine, grüne Feigen gut abspülen und trocken tupfen
Kreuzweise einschneiden und leicht öffnen
Wölkchen aus bestem Rohschinken (San Daniele, Pata Negra) dazubetten
Mozzarella (di Bufala, wenns geht) zerrupfen und dazwischen verteilen
Für die Vinaigrette braucht es den Saft einer halben Zitrone
Einen Teelöffel besten Honig
Bestes Olivenöl Extra Vergine
Etwas guten Balsamico (muss nicht weiss sein)
Salz und Pfeffer
Alles zu einer geschmeidigen Emulsion rühren und die Dreifaltigkeit damit nappieren – fertig ist der himmlische Genuss.
Herzliche Grüsse nach Wien und danke für diese Inspiration.

Schwer zu sagen, wer die grössere Freude bei diesem Geburtstagsessen hatte: der Beschenkte, oder der Schenkende.
Zu Geburtstagen lade ich ja gerne zum Fünfsterne-Frühstuck ins Hotel. Aber diesmal hatte meine Frau den Jubilar zu uns nach Hause eingeladen. Und sie hatte ihn (nicht mich, den Koch) gefragt, was er sich denn zum Essen wünsche. «Tournedos Rossini!», kam es – mehr als Witz – geschmettert.
Für mich war das natürlich kein Witz, sondern die beste Idee seit langem. Ich wollte diesen Klassiker schon immer mal selber kochen, und ich freute mich, wie die diebische Elster.
Zugegeben, nach meiner heftigen Erkältung ist das Gericht von Gioachino Antonio Rossini (1792 – 1868) eine echte Rosskur, aber was soll man sagen, grosse Werke entstehen zuweilen unter einem gewissen Leidensdruck.
Schon das Einkaufen edelster Zutaten treibt einem die Lebensgeister wieder in die Knochen: Frische Trüffel, Foie Gras, bestes Filet vom Angus Rind …
Die Zubereitung ist, verglichen mit der kulinarischen Schwere dieses Piatto Forte, eher leicht zu dirigieren, sofern man seine Partitur im Griff hat:
Filet-Steaks (je 200 g) mit Küchenschnur binden, um sie in Form zu halten
Filets-Steaks salzen, pfeffern und 3 Minuten pro Seite scharf in Bratbutter anbraten, abdecken und warm halten (bei 60 Grad im Ofen)

Fett aus der Pfanne wischen, Bratensatz mit 1 Tasse Madeira lösen, reduzieren lassen. Eine weitere Tasse Madeira dazugiessen, reduzieren lassen. Etwas Demiglace dazu und mit 3 dl Kalbsfond aufgiessen, reduzieren lassen.

Sauce mit geeister Butter montieren

Trüffel mit dem Trüffelhobel in die Sauce hobeln

Anrichten: Das Filet-Steak auf eine getoastete Brotscheibe legen, ein Stück Foie Gras obendrauf und das Ganze grosszügig mit der Trüffelsauce übergiessen

Ich darf jetzt nichts Keckes behaupten, aber unser Gast versicherte mir glaubhaft, dass er noch in keinem Restaurant je ein besseres Tournedos Rossini bekommen hat. Das lass ich doch glatt mal so im Raum stehen.
Ich bin natürlich sehr froh, dass ich es beim ersten Mal nicht versaut habe, sonst hätte nicht nur Signor Rossini einen Grund mehr gehabt (in seinem Grab) zu weinen. Seine drei anderen Gründe werden so zitiert: «Ich gebe zu, dreimal in meinem Leben geweint zu haben: als meine erste Oper durchfiel, als ich Paganini die Violine spielen hörte und als bei einem Bootspicknick ein getrüffelter Truthahn über Bord fiel.»

Aua. Ich mag kein frittiertes Hirn. Schon gar nicht, wenn es mein eigenes ist. Schon seit Tagen amüsiert sich irgend so ein geltungssüchtiges Virus, meinen Körper bei extremniedergarenden 40 Grad zu pochieren. Widerlich, einfach widerlich.
Typisch auch, dass mein eifrig Fieberträume produzierendes Hirn jetzt wieder dieses Bild sendet: Ich als zwölfjähriger Ferienbub in der Küche meiner Bauerngastfamilie im Zürcher Oberland. Rös, die Mutter, führt einen in gespannter Vorfreude grinsenden Mann herein und heisst ihn, zu warten. Dann steigt sie die knarrende Treppe zum Keller hinab. Stille. Die Blicke ruhen auf dem wuchtigen, abgeschabten Holzschneidebrett auf dem Esstisch.
Dann hört man sie fröhlich pfeifend wieder hinaufstaksen. Der Mann wiegt sich in freudiger Erwartung von einem Fuss auf den anderen, so als wolle er der Bäuerin helfen die Treppen zu erklimmen. «So!», stösst sie aus, und zeigt das Objekt der Begierde unter ihrem linken Arm – einen Schweinekopf. «Nur den Halben, haben Sie gesagt?», der Mann nickt.
Sie setzt den Schädel genau vor mir aufs Schneidebrett. Das Schwein – sein Schädel – reckt mir die kalte Schnauze mild grinsend entgegen. Die Lider mit weissblonden Wimpern bespickt, sanft geschlossen. Und dann spaltet sie mit einem schweren Metzgerbeil der Sau die Rübe mit einem einzigen Schlag entzwei: «Wlamm!»
Dabei kippen die beiden Schädelhälften auseinander und etwas Hirn auf den Tisch. Ein Bröckchen, so gross wie eine Honigkaramelle vielleicht. Und – schwupp! – in einer eleganten Wischbewegung mit Zeige- und Ringfinger holt sich Rös den Happen vom Tisch und steckt ihn sich genüsslich in den Mund!
Diese letzte Sequenz wird nun von meinem Hirn in einer Endlosschlaufe projiziert, als wäre es ein Pipilotti Rist Video. Und ich kann ja nicht mal wegsehen! Auch wenn ich die Augen schliesse – sind ja meine eigenen Bilder im Kopf!
Überhaupt scheint mein Hirn irgendwie gar nicht zu checken, wie dreckig es mir gerade geht. In einer Art Amokmodus produziert es lauter solche nervtötende Bilder. Aber auch Musik: «Das alte Haus von Rocky Docky … und dann wieder von vorn, «Das alte Haus …». Oder auch: «I wanna be Daylight …», «I wanna be Daylight …», «I wanna be Daylight …», von den No-Angels. Richtig, Engel können das keine sein. Repetitiver Nonsens erster Güte, um mich zu quälen und zu foltern.
An Essen, immerhin meine absolute Lieblingsthematik, ist nicht zu denken. Hab ich eigentlich schon einmal erzählt, dass ich vor Jahren einmal nach einer Virusinfektion oder eventuell sogar als Nebenwirkung der Antibiotika (Ciproxin) über ein Jahr lang meinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren habe? Nein?
Na gut, davon vielleicht ein andermal, ich will hier niemanden überstrapazieren. Bin ja nicht so ein seelenloser Quälgeist, wie mein Hirn.

Wenn Frau Holle die Äpfel so kalt abduscht, dass sie gleich kiloweise von Baum fallen, dann muss man handeln. Wir wissen ja, wie das mit der Pechmarie endet.
Allerdings sind die ohnehin schon säuerlichen Sauergrauech noch nicht ganz reif. Daraus gedörrte Apfelringe, zum Beispiel, wurden nicht eifrig konsumiert sondern eilends kompostiert.
Die Sorte eignet sich hervorragend zum Mosten. Das übernimmt ein Bauer in der Region für zweimal die Hälfte. Aber erst ab einem Minimum von 30 Kilo.
Bis Oktober muss man sich da schon noch gedulden. Lagern lassen sie sich übrigens nicht besonders gut.
Das Ziel war deshalb: Apfelkuchen backen!
Ziele sind wichtig. Man muss einfach ein Ziel haben, sagt der unverbesserliche Gutmensch und Pfarrer Ivan in der bitterbösen dänischen Komödie Adams Äpfel dem noch böseren Nazi Adam. (Nächste TV-Ausstrahlung am Dienstag, 16. September 2008 um 01.25 Uhr auf ARTE).
Apfelkuchen, das ist mir aufgefallen, spielen in Filmen mit fiesen Charakteren sehr oft eine wichtige Nebenrolle. Sie stellen quasi das unbestechlich Gute dar.
Wenn wild mordende Typen sich ein grosses Stück Apfelkuchen bestellen, wenn sie eigentlich ihr nächstes Opfer exekutieren sollten, dann ist das so etwas wie ein letzter Funken Hoffnung für den Betrachter, dass auch im bösesten Menschen noch so etwas wie Gnade schlummern könnte – könnte.
Nun gibt es ja auf der Welt vermutlich so viele Apfelkuchenrezepte wie Grossmütter. Aber ausgerechnet meine Grossmütter haben mir kein Rezept überlassen. Gnadenlos.
Anyhow, war es nicht der amerikanische Astronom Carl Sagan , der gesagt hat: „If you wish to make an apple pie from scratch, you have first to invent the Universe“?
Gute Idee. Der beste Apfelkuchen in meinem ganzen Back-Universum geht so:
100 g Butter mit 100 g Zucker schaumig rühren, 2 Eier, Mark einer Vanilleschote, Abrieb einer halben Zitroneschale dazu, alles verquirlen und weiter rühren. 50 Gramm Mehl, 1 Teelöffel Backpulver und 100 g frisch geröstete, geschälte, grob gehackte, Mandeln dazugeben.
Dann zwei bis drei gewürfelte Äpfel zum Teig geben, 2 Tassen Schlagrahm unterheben und in eine ausgebutterte Springform giessen.
Oberfläche mit Apfelschnitzen belegen und für 30 bis 40 Minuten bei 180 backen. Fünf Minuten vor Schluss mit Zucker bestreuen und unter der Grillschlange karamellisieren. Etwas auskühlen lassen und dann mit Puderzucker (wer mag, auch etwas Zimt) bestäuben und selbstverständlich lauwarm geniessen.

Apfelkuchen, und alles wird gut – hoffen wir zumindest.

